
Hans im Glück – die Geschichte hinter einer Freeride-Abfahrt in Andermatt
Wenn du ein eingefleischter Freerider in Andermatt bist, hast du bestimmt schon von der legendären Abfahrt «Hans im Glück» gehört. Sie führt vom Gemsstock hinunter ins Unteralptal – einsam, anspruchsvoll, magisch. Eine Linie, von der viele nur flüstern. Aber weisst du eigentlich, was – oder besser: wer – hinter diesem Namen steckt? Wir haben den echten Hans getroffen!
Wer steckt hinter „Hans im Glück“?
Namen von Freeride-Abfahrten entstehen häufig aus Erlebnissen, lokalen Geschichten oder den Menschen, die das Gelände über viele Jahre geprägt haben. Auch hinter „Hans im Glück“ steckt eine persönliche Geschichte. Im Interview erfahren wir, wie der Name entstand und welche Verbindung die Beteiligten zum Gemsstock und zu Andermatt haben.
Das Interview
Text & Interview: Dominik Osswald
Als ich auf das Haus zugehe, ertönt schon die Begrüssung hinter der Hecke. Mit Gärtnerschürze und Schere steht er dort, weisser Schnauz, freundliches Lächeln, kräftiger Händedruck – das ist Hans Berger. Sein Haus liegt in einem ruhigen Viertel von Olten, der Garten blüht. Hans redet gleich los, doch nicht über Couloirs oder Pulverhänge – er zeigt mir stolz Zucchetti, Tomaten und Blumen.
Hans gehört zu den Pionieren der Alpen, die im Stillen Grosses leisteten. In den 1970er-Jahren war er unter den ersten Wiederholern grosser Routen, darunter die Japaner-Direttissima an der Eiger-Nordwand. Ihm gelang die erste Winterbegehung der Droites-Nordwand, später nahm er an einer Expedition an der Südwand des Everest teil. Am nachhaltigsten prägte er jedoch das Gotthardgebiet: 34 Jahre lang führte er die Salbithütte, erschloss und sanierte neue Routen und initiierte die spektakuläre Salbitbrücke.
Geboren in Thun, hat Hans die meisten Berge dieser Welt gesehen. Heute lebt er mit seiner Frau Bea und den beiden Kindern Aline und Jonas in Olten – doch wieso trägt eine legendäre Freeride-Abfahrt nördlich des Gemsstocks seinen Namen?

Hans, wer bist du?
Ich bin als Bauernbub geboren, mit sechs weiteren Geschwistern. Mein Vater starb, als ich zehn war. Mein Traumberuf wäre Bauer gewesen – ein paar Kühe, etwas Gemüse. Doch meine Mutter konnte das alles nicht mehr stemmen. Ein halbes Jahr nach dem Tod meines Vaters ertrank meine Schwester im Entenweiher. Mit zwölf bin ich ausgezogen. Eine Mutter mit 280 Franken Rente konnte den Familienunterhalt für fünf Kinder kaum bestreiten. Ich machte eine Lehre als Zimmermann, konnte mir ein Velo kaufen und entdeckte die Berge als Flucht aus dem Alltag. Bald gab es für mich nur noch mein Velo und die Berge. Samstagmorgens habe ich noch gearbeitet, danach sind wir losgeradelt und haben am Sonntag die Berge des Berner Oberlands bestiegen: Wildstrubel, Balmhorn, Doldenhorn – ganz normale Touren. So bin ich zum Bergsteigen gekommen.
Dann bist du statt Bauer Bergführer geworden?
Ich arbeitete zuerst als Schreiner in Grindelwald. Mit 22 machte ich den Bergführerkurs – eine ganz andere Geschichte als heute. Es gab keine Aspirantenausbildung. Man löste eine Trägerkarte und half einem Bergführer, seine Gäste auf den Berg zu bringen. 1968 rückte ich zum Bergführerkurs ein. Man musste einen Kletterparcours absolvieren, und wenn man reüssierte, ging es direkt weiter aufs Jungfraujoch. Dort musste man mit den Ski einen Hang hochsteigen, zwei Spitzkehren machen und wieder runterfahren. Wenn man auch das bestand, folgte eine Tourenwoche im Jungfraugebiet – das war der erste Teil.
Im zweiten Teil machte man Hochtouren. Es gab wenig Ausbildung, es ging mehr um Anwendung. Danach folgten eine Kletterprüfung – und dann war man Bergführer.
Wie muss man sich das Skifahren in den 1970er-Jahren vorstellen?
Variantenfahren oder das heutige Freeriden gab es noch nicht. Skitouren machte man erst im Frühling, während des Hochwinters hatte man kaum Gäste. 1976 war ich zum ersten Mal in Davos, und dort gab es bereits die Idee, Skitouren auch im Hochwinter zu machen. Ansonsten war kaum Betrieb: Es gab Skilifte, aber ausserhalb praktisch nichts. Allerdings war auch das Pistenfahren anspruchsvoller. Die Pisten wurden nicht planiert, man fuhr auf Buckelpisten.
Lag das am fehlenden Interesse für Tiefschnee oder am mangelnden Wissen über Lawinen?
Man wusste so gut wie nichts. Sicherheitsausrüstung gab es keine – selbst die Schaufel kam erst viel später. Im Bergführerkurs hatten wir zwar eine Lawinenschnur dabei, damit man im Falle einer Verschüttung wenigstens wusste, wo jemand lag. Aber wie hätte man ihn ohne Schaufel ausgraben sollen? Erst nach und nach entstand das Bewusstsein, dass eine Schaufel wichtig wäre. LVS-Geräte gab es ab 1968 in ersten Versionen, sie kamen zuerst nur beim Militär zum Einsatz. Ein Lawinenbulletin gab es nicht.
Lawinenkunde war also eine grosse Unbekannte?
Ja. Es gab ein Gespür, klar. Aber man wusste zum Beispiel noch nicht, dass Lawinen meist erst ab 30 Grad Hangneigung abgehen – das kam erst mit Werner Munter. Er begann, Muster zu erkennen, nachdem er selbst dreimal in Lawinen geraten war. Einmal war ich sogar dabei, am Oberalppass. Der Wissensunterschied zu heute ist etwa so gross wie der Gletscherschwund, den wir seit 30 Jahren erleben.

Du gehörst zu den Bergsteiger-Pionieren der Schweiz, trotzdem ist dein Name nur Insidern bekannt. Weshalb?
Ich hatte nie das Ziel, berühmt zu werden. Ich habe das einfach gern gemacht. Medien wurden zwar auf uns aufmerksam, aber sie kamen von sich aus – nicht umgekehrt. Das hat auch mit der Schweizer Mentalität zu tun. Es gehörte sich nicht, gross zu erzählen, dass man wilde Sachen macht oder Risiken eingeht. Man wurde schnell als Spinner abgetan. Also machte man es lieber für sich. Ein gutes Beispiel ist Hermann Steuri, der technische Leiter meiner Bergführerausbildung. Einer der besten Bergsteiger aller Zeiten, wenn du mich fragst. Ich bin überzeugt, er hätte die Eigernordwand erstbegangen, wenn er den Rückhalt im Dorf gehabt hätte. Doch er hatte enormen Widerstand – sogar aus der eigenen Familie. Das war diese zurückhaltende Schweizer Mentalität: Man stellt sich nicht zur Schau.
Nimm uns mit an den Gemsstock im Jahr 1983.
Eine kleine rote Gondel, vielleicht 20 bis 25 Leute. Oben angekommen stieg man über eine Treppe auf den Gletscher ab. Das Pistentrassee, das es heute gibt, existierte noch nicht. Richtung Guspis und Unteralp konnte man gleich wie heute fahren, aber man musste schauen, dass der damalige Pistenchef nicht zugegen war – mit ihm hatte ich ab und zu ein «Gschtürm». Der Gletscher war viel grösser und reichte weit hinunter. Auch im Felsental musste man aufpassen, nicht in eine Spalte zu fallen. Links von der Sonnenpiste war der St.-Annafirn damals noch ein richtiger Gletscher. Heute gibt es dort höchstens noch ein paar Reste Toteis.
Ihr hattet den Gemsstock abseits der Piste also quasi für euch allein?
Ja. Wir hatten immer Felle dabei, denn manchmal musste man wieder aufsteigen, wenn man in einer Sackgasse landete. Den Kunden war klar, dass wir sie teilweise auch in uns unbekanntes Gelände führten. Sie waren dabei, wenn neue Routen und Abfahrten entdeckt wurden. Felsental, Unteralp, Guspis, Geissberg, Winterhorn – alles lag unberührt vor uns. Damals gab es noch den Lift am Winterhorn, und wir kombinierten etwa Guspis-Abfahrten mit einer direkten Weiterfahrt aufs Winterhorn, wo wieder ein quasi unberührter Berg wartete.
Wie entstand die Abfahrt «Hans im Glück»?
Ich fuhr oft durchs Unteralptal hinaus. Wenn man nach links hochschaut, sieht man die Couloirs, die von oben herunterziehen. Das fiel mir auf, aber es sah sehr eng aus. Eines Tages bin ich mit einer Gruppe – es waren Österreicher – auf gut Glück schauen gegangen. Ich sagte: «Habt ihr Lust auf ein Abenteuer? Es gibt keine Garantie. Wenn es nicht geht, müssen wir mit den Fellen zurück.» Sie waren begeistert. Wir fuhren vom Gemsstock-Gipfel Richtung Unteralptal ab, stiegen dann zum Gafallengrat auf. Dahinter öffnet sich dieses versteckte, liebliche Tal, das später in ein steiles, enges Couloir mündet. Die Lawinengefahr war günstig. Ich war sehr nervös, denn ich wusste nicht genau, was uns erwartete. Doch dann öffnete sich das Couloir vor mir, und ich wusste: Es klappt. Ich war heilfroh. Unten sagten die Österreicher: «Jetzt hast du aber Glück gehabt, Hans.» Und so blieb der Name Hans im Glück hängen.
Und woher kommt der Name der benachbarten Abfahrt «Giraff»?

Alex Clappason ist den Giraff als Erster gefahren. Er benannte ihn so, weil die Leute oben mit langen Hälsen dastanden und sich weit nach vorne streckten, um überhaupt sehen zu können, wie es weitergeht.
Erfahre mehr über die Variante "Giraffe" am Gemststock.
-
Giraffe: Das legendäre Couloir am Gemsstock
-
Felsental: Weite Hänge & spielerisches Gelände am Gemsstock
-
Ober Geissberg: vielseitige Lines & Powder-Hänge am Gemsstock
-
Unter Geissberg: Powder, Flow & Kontraste im windgeschützten Gelände
-
Vorgipfel-Couloir: steil, eng & legendär am Gemsstock
-
Freetouring Andermatt – kurze Aufstiege, einsame Abfahrten & unberührter Powder