
Die Geschichte von Dan Loutrel
Vom Skibum aus Boston zum Bergführer und Gründer von Andermatt Guides.
Dan Loutrel kam als Freerider nach Andermatt. Er blieb. Zuerst baute er Ski, dann wurde er Bergführer und gründete Andermatt Guides. Heute lebt er mit seiner Familie in der Gotthardregion und teilt seine Leidenschaft für Freeriden, Skitouren und die Berge mit Gästen aus aller Welt.
Am Anfang war eine Skipresse
Ganz unten, am tiefsten Punkt von Göschenen, steht ein kleines Haus. Die Mauern sind alt, das Dach hingegen neu: eine gemütliche Holzkonstruktion mit grossen Fenstern, durch die viel Licht in die Räume strömt.
Innen ziert eine Tapete die Wände – ein dichter Regenwald, bevölkert von Papageien und anderen bunten Vögeln.
Dan und seine Partnerin Seraina haben das Haus vor einigen Jahren gekauft und mit viel Liebe renoviert. Beim Öffnen der alten Mauern kamen Zeitungen aus dem frühen 19. Jahrhundert zum Vorschein. Einst als Dämmmaterial verbaut, erzählen sie heute von der langen Geschichte des Hauses.
Ob es Zufall ist, dass ausgerechnet Vögel die Wände schmücken?
«Ich mag keine weissen Wände», sagt Dan.
Vielleicht steckt aber mehr dahinter. Die Vögel erinnern an Birdos – jene Skimarke, die Dan vor rund zwanzig Jahren ins Leben rief. Handgefertigte Freeride-Ski aus Andermatt, entstanden in einer Zeit, als die Region noch weit entfernt war vom heutigen Bekanntheitsgrad.
Vom Meer in die Berge
Bevor Dan Bergführer wurde, war er vieles andere.
Aufgewachsen ist er in Boston an der Ostküste der USA. Statt hoher Berge prägten dort der Atlantik, grosse Wellen und das Leben am Wasser seinen Alltag. Schon früh zog es ihn nach draussen. Er segelte Regatten, arbeitete als Bootsbauer und entwickelte ein Gespür für Materialien, Konstruktionen und Handwerk.
Boote bestehen aus verleimtem Holz und Kunstharz – eine Bauweise, die damals auch im modernen Skibau zunehmend eingesetzt wurde. Die Verbindung lag nahe.
Als Dan in die Alpen kam, war er Freerider ohne grossen Plan. Er lebte das klassische Skibum-Leben und verbrachte möglichst viele Tage auf Ski. Doch irgendwann musste eine Entscheidung her. Das Geld wurde knapp und ein Beruf musste gefunden werden.
Birdos – Freeride-Ski aus Andermatt
In den USA hatte Dan bereits erste Rocker-Ski kennengelernt. Die aufgebogene Schaufel sorgte dafür, dass Ski im Tiefschnee besser aufschwammen. In Europa war dieses Konzept damals noch weitgehend unbekannt.
In Frankreich ersteigerte er eine alte Skipresse – ein gewaltiges Gerät voller Schläuche, Hebel und Metallteile. Nach ihrem Transport in die Schweiz setzte er sie in Andermatt wieder in Betrieb und gründete seine eigene Skimarke: Birdos.
Der Name war eine Anspielung auf das amerikanische Sprichwort getting the bird – verrückt werden.
Und verrückt war die Idee durchaus.
Ein amerikanischer Bootsbauer baut in einem kleinen Bergdorf der Zentralschweiz handgemachte Freeride-Ski.
Doch es funktionierte.
Die Kombination aus moderner Bauweise, handwerklichem Know-how und echter Leidenschaft für das Freeriden machte Birdos schnell bekannt. Trotzdem spürte Dan bald, dass seine eigentliche Leidenschaft nicht im Keller neben der Skipresse lag.
«Am Ende stand ich lieber auf den Ski als an der Presse.»
Birdos wurde nie zu einer grossen Marke. Heute baut Dan nur noch gelegentlich Ski für den Eigenbedarf.
Der Weg zum Bergführer
Dan entschied sich für einen neuen Weg: die Ausbildung zum Bergführer.
Eine Ausbildung, die als eine der anspruchsvollsten der Schweiz gilt und Präzision, Disziplin und Durchhaltewillen verlangt.
Die Ausgangslage war alles andere als ideal.
Man stelle sich Dan im Jahr 2003 vor: lange Haare, selbstgebaute Ski und wenig Erfahrung mit Spitzkehren. Beim Eintrittstest verlor er vor den Augen der Experten das Gleichgewicht und rutschte mehrere hundert Meter einen Hang hinunter.
Im Aufnahmegespräch fragte ihn der Verantwortliche:
«Gibt es wirklich keinen anderen Beruf, den du lernen könntest?»
Dan blieb trotzdem.
Drei Jahre später schloss er die Ausbildung erfolgreich ab – ohne eine einzige Prüfung wiederholen zu müssen. Vielleicht war er der erste Amerikaner, dem dies gelang. Sicher aber einer der wenigen Bergführer, die nicht mit Bergen, sondern mit dem Meer aufgewachsen waren.
Die Gründung von Andermatt Guides
Nach dem Abschluss der Ausbildung begann ein neues Kapitel.
Als diplomierter Bergführer gründete Dan Andermatt Guides und machte seine Leidenschaft zum Beruf. Freeriden, Skitouren und alpine Erlebnisse wurden zum Mittelpunkt seiner Arbeit. Inzwischen beherrscht er natürlich auch die Spitzkehre.
Heute ist Dan dreifacher Vater, Schweizer Bürger und prägt gemeinsam mit Aaron Coulin und Dominik Osswald die Entwicklung von Andermatt Guides. Die alte Skipresse steht noch immer im Keller. Ab und zu wird sie angeworfen, wenn ein neues Paar Ski entstehen soll.
Mehr als ein Beruf
Wer mit Dan unterwegs ist, merkt schnell, dass Bergführen für ihn weit mehr ist als ein Beruf.
Es geht um gute Entscheidungen, um die richtigen Linien im Schnee, um lokale Erfahrung und darum, besondere Tage in den Bergen zu ermöglichen.
Vielleicht begann alles mit einer alten Skipresse.
Am Ende geht es aber immer noch um dasselbe: die Freude am Unterwegssein in den Bergen rund um Andermatt.
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